Laut Alexis Ohanian, Mitbegründer von Reddit, ist das Aufkommen von Finanztechnologien zur Unterstützung des Kunstmarktes – wie etwa Non-fungible Token (NFT) – die interessanteste Entwicklung der letzten Zeit im Internet. Dies, da sie eine gerechtere Entlöhnung für Künstler ermögliche. Vom Sekundärmarkt, auf dem die echte Wertschöpfung im Kunst-Business stattfindet, waren diese bisher ausgeschlossen. Auf der Asian Investment Conference der Credit Suisse im März 2022 erklärte Ohanian seine Vision einer dezentralen Zukunft.
«Was mich im vergangenen Jahr wirklich bewegt hat, ist die Schnittmenge zwischen Kultur und Finanzen», sagte Ohanian in seinem Vortrag über das Web 3.0. Der Social-News-Dienst Reddit ist spätestens seit dem Vormarsch von Reddit-Gruppen an den Börsen auch im Finanzwesen ein Begriff. Die Plattform, die Ohanian mitbegründete, ist ein Paradebeispiel für die Macht von Communitys im digitalen Zeitalter. Nun wendet er sich den nächsten grossen Entwicklungen zu: NFTs und dem Metaversum.
«Jedes Mal, wenn ein Künstler sieht, dass ein Werk zu einem noch höheren Preis verkauft wird, freut er sich, weil er einen Anteil erhält. Und warum sollte er das nicht tun? Warum sollte dieser Wert all die Jahre von Mittelsmännern erbeutet werden, anstatt von den Menschen, die es eigentlich geschaffen haben?», fragte Ohanian rhetorisch. Er sieht in NFTs eine Möglichkeit, dass Künstler direkt von der Wertsteigerung ihrer Werke profitieren können – ein Mechanismus, der im traditionellen Kunstmarkt nahezu unmöglich ist.
Anstatt sich auf Plattformen mit geschlossenen, zentralisierten Betriebsmodellen zu verlassen – seien es grosse Auktionshäuser wie Christie’s oder etablierte Tech-Giganten wie Meta und Google – glaubt Ohanian, dass die Zukunft des Internets auf Plattformen beruhen wird, die offener sind. Damit würden Werte «fairer dort zuordnen, wo sie geschaffen werden.» Wobei Schöpfer, frühe Anwender und Unterstützer der Community gleichermassen belohnt würden. Dieser Ansatz steht im Gegensatz zu den heutigen Geschäftsmodellen, bei denen die Plattform den Grossteil der Werte abschöpft.
Ohanian illustrierte dies mit einem Beispiel aus dem Social-Media-Bereich: «Eine Top-Influencerin auf Instagram bietet Meta so viel Wert, viel mehr als sie jemals von Instagram erhalten wird. Sie bekommt keinen Gehaltsscheck von Instagram. Sie erhält keine Facebook-Aktien», erklärt er. «Warum sollte man endlos Inhalte auf einer Plattform erstellen, für die man nicht bezahlt wird?» Dieser Missstand sei ein zentraler Antrieb für die Entwicklung des Web 3.0, bei dem die Nutzer die Eigentümer ihrer Daten und Inhalte sind.
Neben der Liberalisierung des Online-Eigentums unterstrich Ohanian auch das Potenzial des Web 3.0, den Wert digitaler Vermögenswerte oder Inhalte zu liberalisieren. Unter dem derzeitigen Modell wird der Wert oft nicht frei entdeckt, weil die Internet-Nutzer meist an grosse, zentralisierte Plattformen gewöhnt sind. Aber in einer «entgrenzten» Zukunft, so Ohanian, seien die Schöpfer von Inhalten dazu gezwungen, sich die Aufmerksamkeit jeder einzelnen Person zu verdienen. Dies führt zu einer Demokratisierung der Aufmerksamkeitsökonomie.
«Das ist der Nachteil einer zentralisierten Startseite», erklärte Ohanian, der auch Investor und Gründer der Risikokapitalfirma Seven Seven Six ist. «Letztlich entscheidet der Algorithmus eines Unternehmens, was die Nachrichten des Tages sind.» Diese Kontrolle durch wenige Konzerne sieht er als Gefahr für die Meinungsfreiheit und die kulturelle Vielfalt. Dezentrale Netzwerke könnten hier Abhilfe schaffen, indem sie den Nutzern die Hoheit über ihre Inhalte zurückgeben.
An die Adresse derjenigen, die immer noch am massenhaften Übergang zu einer virtuellen Welt zweifeln, stellte Ohanian fest, dass diese neue Realität bereits näher ist, als die meisten denken. So trage der Durchschnittsmensch eine Gucci-Tasche oder eine Louis-Vuitton-Jacke, um ein Foto zu machen und es im Internet zu posten. Dies für alle anderen, die diese Tasche oder diese Jacke nie im wirklichen Leben sehen werden. «Viele Menschen leben bereits im Metaversum, weil sie Vermögenswerte kaufen, die sie besitzen, um sie digital zu manifestieren. Um sie nur digital zu zeigen, um sie digital zur Schau zu stellen», weiss der Reddit-Gründer. «Unterbewusst oder nicht, das ist es, was sie zu erreichen versuchen, und das ist genauso wichtig.»
Alexis Ohanian ist der Gründer von Seven Seven Six, einer Risikokapital-Gesellschaft, die wie ein Technologie-Unternehmen aufgebaut ist und ein Vermögen von über 750 Millionen Dollar verwaltet. Er ist Mitbegründer und ehemaliger Executive Chairman von Reddit, einer der grössten Websites in den USA, und er hat den Bestseller «Without Their Permission: How the 21st Century Will Be Made, Not Managed» (2013) geschrieben. Seine Karriere begann im Jahr 2005, als er gemeinsam mit Steve Huffman Reddit gründete, das später an Condé Nast verkauft wurde. Nach seinem Ausscheiden aus dem operativen Geschäft widmete er sich dem Risikokapital und investierte früh in vielversprechende Tech-Start-ups.
Ohanian ist ein leidenschaftlicher Befürworter des Web 3.0 und investiert stark in Blockchain-basierte Projekte. Seven Seven Six hat unter anderem in die Plattform Solana und das NFT-Projekt Doodles investiert. Er sieht das Metaversum nicht als ferne Zukunft, sondern als bereits bestehende Realität, in der digitale Identitäten und Besitztümer eine immer grössere Rolle spielen. Die Kombination aus Kultur und Finanzen, wie sie NFTs darstellen, hält er für den Schlüssel zu einer gerechteren digitalen Wirtschaft. Künstler und Schöpfer könnten endlich fair entlohnt werden, wenn sie nicht mehr auf die Gnade zentralisierter Plattformen angewiesen seien.
Die Asian Investment Conference der Credit Suisse bot Ohanian eine Bühne, um seine Vision zu teilen. In seinem Vortrag ging er auch auf die Risiken des neuen Internets ein: Die Volatilität von Kryptowährungen, der Energieverbrauch von Blockchains und die Gefahr von Betrug. Dennoch überwog für ihn der Optimismus. «Wir stehen am Anfang einer Revolution, die das Internet grundlegend verändern wird – und zwar zum Besseren», so Ohanian. Die Frage sei nicht, ob das Web 3.0 kommt, sondern wie schnell es sich durchsetzt.
Das Metaversum, so Ohanian, ist mehr als nur ein Schlagwort. Es ist die logische Konsequenz einer Gesellschaft, die zunehmend online lebt und arbeitet. Schon heute verbringen Menschen Stunden in virtuellen Welten wie Roblox oder Fortnite. Sie kaufen digitale Kleidung für ihre Avatare und investieren in virtuelle Grundstücke. Ohanian sieht darin einen natürlichen Fortschritt: «Wenn die Menschen bereit sind, echtes Geld für digitale Güter auszugeben, dann haben diese Güter einen echten Wert. Und dieser Wert sollte den Schöpfern zugutekommen, nicht den Plattformen.»
Source: finews.ch News